Bio, Demeter und Vorzugsmilch: Warum die Herkunft der Stutenmilch über alles entscheidet
Sibylle Steurer über Qualitätsstufen, die kaum ein Hersteller offen kommuniziert
Wenn du im Internet nach Stutenmilch-Kosmetik suchst, stößt du auf Dutzende Anbieter. Die meisten werben mit "natürlich", "rein" oder "hochwertig". Was aber tatsächlich in der Flasche oder im Tiegel ist, bleibt oft im Dunkeln.
Ich finde diese Unklarheit problematisch. Denn der Rohstoff Stutenmilch macht in unseren Rezepturen den entscheidenden Unterschied. Ob du eine gute oder eine mittelmäßige Kosmetik auf der Haut hast, liegt nicht an einer Marketing-Formulierung, sondern daran, woher die Milch kommt, wie die Stuten gehalten werden und wie die Milch verarbeitet wird.
In diesem Artikel nehme ich dich mit hinter die Kulissen und erkläre dir in Klartext, was Bio, Demeter und Vorzugsmilch bei Stutenmilch wirklich bedeuten. Und warum wir bei Equinea seit vielen Jahren ausschließlich mit einer einzigen Quelle arbeiten.
Die drei Qualitätsstufen, die du beim Kauf kennen solltest
Stutenmilch ist nicht gleich Stutenmilch. Es gibt drei klare Qualitätsstufen, die rechtlich und produktionstechnisch auseinanderliegen.
Stufe 1: Konventionelle Stutenmilch
Die Basisstufe. Die Stuten werden gehalten, gemolken, und die Milch wird weiterverarbeitet. Rechtlich gelten die allgemeinen Anforderungen der EU-Hygienestandards für Milch. Es gibt keine Einschränkungen zur Haltung der Stuten, zur Fütterung oder zum Einsatz konventioneller Futtermittel. Kraftfutter, Silage und konventionell gedüngte Wiesen sind hier Standard.
Ein großer Teil der im Handel erhältlichen Stutenmilch-Produkte, vor allem aus großen osteuropäischen Betrieben, fällt in diese Kategorie.
Stufe 2: Bio-Stutenmilch nach EU-Bio-Verordnung
Bio bedeutet: Die Stuten werden nach den Vorgaben der EU-Öko-Verordnung gehalten. Kein synthetischer Dünger, kein chemischer Pflanzenschutz, mehr Auslauf, biologisches Futter. Das ist ein spürbarer Qualitätssprung gegenüber konventioneller Stutenmilch.
Allerdings ist EU-Bio der gesetzliche Mindeststandard für Bio-Kennzeichnung. Die Vorgaben sind solide, aber weniger streng als bei den deutschen und österreichischen Bio-Verbänden wie Bioland, Naturland oder Demeter.
Stufe 3: Demeter-Stutenmilch
Demeter ist der älteste Bio-Anbauverband Deutschlands und steht für die biologisch-dynamische Landwirtschaft nach Rudolf Steiner. Die Demeter-Richtlinien gehen deutlich über die EU-Bio-Vorgaben hinaus. Konkret bedeutet das bei einem Stutenmilch-Hof:
- Ganzjährige Weidehaltung im Herdenverband
- Hofeigenes Heu und biologisch-dynamisch bewirtschaftete Futterflächen
- Fohlen bleiben bei der Mutter und haben bei jeder Melkung Vorrang
- Gemolken wird erst, wenn die Fohlen selbst feste Nahrung aufnehmen, und nur ein kleiner Anteil der Milch. Der größere Teil bleibt beim Fohlen
- Jährliche Demeter-Zertifizierungs-Audits zusätzlich zu den Bio-Kontrollen
- Biodynamische Präparate zur Bodenpflege
Für die Milch bedeutet das: eine außerordentlich hohe Qualität auf allen Ebenen, vom Boden über das Futter bis zur gelebten Tierhaltung.
In der Stutenmilch-Produktion ist Demeter-Zertifizierung extrem selten. Nach Kenntnis unseres Lieferanten, der Familie Seraphin, gibt es in ganz Deutschland nur einen Hof, der Stutenmilch in Demeter-Qualität herstellt. Das ist der Haflingerhof Seraphin in Schleswig-Holstein. Dazu gleich mehr.
Was Vorzugsmilch rechtlich bedeutet, und warum sie so selten ist
Bio, Demeter und konventionell sagen etwas über die Haltung und die Landwirtschaft. "Vorzugsmilch" ist eine davon unabhängige, zusätzliche Qualitätsstufe, die etwas über die Frische und die Hygiene der Milch aussagt.
Vorzugsmilch ist eine rechtlich definierte Verkehrsbezeichnung in Deutschland. Die Anforderungen sind in der Tier-Lebensmittel-Hygieneverordnung (Tier-LMHV, Anlage 9) geregelt. Vorzugsmilch ist unbehandelte Rohmilch, die den Verbraucher erreicht, ohne pasteurisiert, ultrahocherhitzt oder homogenisiert zu werden.
Klingt einfach. In der Praxis ist es eine der aufwendigsten Kategorien im Lebensmittelbereich. Ein Vorzugsmilchbetrieb muss folgende Anforderungen erfüllen:
- Staatliche Zulassung. Der Betrieb braucht eine Genehmigung des zuständigen Veterinäramts. Ohne diese Zulassung darf Rohmilch nicht als Vorzugsmilch in den Verkehr gebracht werden.
- Monatliche Tierarzt-Kontrollen. Jedes einzelne Milchtier wird jeden Monat klinisch untersucht und seine Milch auf Krankheitserreger getestet.
- Strenge Grenzwerte. Die Keimzahl in der Vorzugsmilch muss in 60 % der Proben unter 30.000 Keime pro Milliliter liegen und darf 50.000 niemals überschreiten. Zum Vergleich: Für normale Rohmilch ab Hof gilt ein Grenzwert von bis zu 100.000 Keimen pro Milliliter. Vorzugsmilch ist damit mikrobiologisch eine Klasse für sich.
- Kühlung binnen zwei Stunden auf +4 °C. Die Milch darf während der gesamten Lagerung und Auslieferung +8 °C nicht überschreiten.
- Verbrauchsdatum maximal 96 Stunden nach der Gewinnung. Vier Tage. Länger darf Vorzugsmilch nicht als solche in den Verkehr.
- Salmonellen-Freiheit, nachgewiesen in 25 Milliliter-Stichproben.
Warum ist das für Kosmetik relevant? Weil der Rohstoff, den wir in unseren Cremes verarbeiten, in genau dieser Qualität vom Hof zu uns kommt. Wir verarbeiten keine stark erhitzte, keine pasteurisierte, keine rekombinierte Milch. Wir arbeiten mit tiefgefrorener Vorzugsmilch, die unmittelbar nach dem Melken auf +4 °C heruntergekühlt und eingefroren wird. Damit bleiben Proteine, Fettsäuren und Vitamine in ihrer ursprünglichen Form erhalten.
Warum die Rohstoff-Qualität in der Kosmetik direkt spürbar ist
Du hörst diese Frage selten, aber sie ist berechtigt: Wenn die Stutenmilch in einer Creme sowieso mit Ölen, Wasser und Emulgatoren vermischt wird, macht dann die Qualität des Rohstoffs überhaupt einen Unterschied?
Meine Antwort nach 30 Jahren: Ja, sie macht einen deutlichen Unterschied. Aus drei Gründen.
Erstens die Eiweißstruktur. Stark erhitzte Milch hat eine veränderte Proteinstruktur. Die Albumine und Globuline, die für die sanfte Verträglichkeit auf der Haut mitverantwortlich sind, werden durch Hitze denaturiert. Bei gefrorener Vorzugsmilch bleiben sie in der ursprünglichen Form erhalten.
Zweitens die Fettsäuren. Stutenmilch enthält wertvolle Omega-3- und Omega-6-Fettsäuren, darunter Linolensäure. Diese essenziellen Fettsäuren sind oxidationsanfällig. In schlecht gekühlter oder mehrfach erhitzter Milch nimmt ihre Qualität messbar ab.
Drittens die Milchsäurebakterien-Kultur. Frisch gewonnene Stutenmilch hat eine eigene, hauttypgünstige Mikroflora. Bei pasteurisierten Produkten ist diese Kultur weitgehend zerstört. Bei gefrorener Vorzugsmilch bleibt sie teilweise aktiv.
Für dich als Anwenderin bedeutet das: Die Creme zieht anders ein, die Haut reagiert anders, die Verträglichkeit ist oft besser. Nicht jede Kundin kann das in Worte fassen, aber viele berichten uns, dass sie andere Stutenmilch-Produkte probiert haben und bei uns geblieben sind, ohne genau erklären zu können, warum sich unsere Pflege anders anfühlt.
Der Unterschied liegt, sehr oft, in der Rohstoffqualität.
Unser Partner: Der Haflingerhof Seraphin in Schleswig-Holstein
Seit vielen Jahren beziehen wir unsere Stutenmilch ausschließlich vom Haflingerhof Seraphin. Der Hof liegt in Seedorf in Schleswig-Holstein und ist ein eigenständiges, familiengeführtes Unternehmen.
Familie Seraphin züchtet seit über 40 Jahren Haflinger. Seit mehr als 20 Jahren führt sie den Hof nach Demeter-Richtlinien. Die Haflingerstuten leben ganzjährig in Herdenverband auf biologisch-dynamisch bewirtschafteten Weiden. Das Heu für die Pferde wird auf hofeigenen Wiesen geerntet. Rund um Hof und Weide wachsen alte Obstsorten, und auf dem Hof leben Schwalbenpaare, ein Uhu und Fledermäuse. Es ist, auch optisch, ein Betrieb, der anders aussieht als eine industrielle Milchproduktion.
Was uns bei der Auswahl unseres Lieferanten besonders wichtig war und ist, betrifft den Umgang mit Stuten und Fohlen. Die Fohlen stammen aus einer hochwertigen Haflinger-Züchtung und werden nicht geschlachtet. Die Stuten werden überhaupt erst dann gemolken, wenn die Fohlen bereits selbst feste Nahrung aufnehmen, und sie werden zu keinem Zeitpunkt von ihren Müttern getrennt. Auch dann wird nur ein kleiner Anteil der Milch gemolken, der größere Teil bleibt selbstverständlich bei den Fohlen. Diese Praxis ist die Voraussetzung dafür, dass wir mit Stutenmilch überhaupt arbeiten, und einer der Gründe, warum wir den Lieferanten über die Jahre nicht gewechselt haben.
Warum beziehen wir unsere Milch aus Norddeutschland und nicht aus dem Bregenzerwald oder der weiteren Alpenregion? Die Antwort ist einfach. Demeter-Bio-Stutenmilch in Vorzugsmilch-Qualität ist in Österreich in der benötigten Menge und Regelmäßigkeit nicht verfügbar. Wir haben uns vor Jahren gegen regionale Nähe und für den längeren Transportweg entschieden, weil der Rohstoff über alles entscheidet.
Die Milch wird am Hof unmittelbar nach der Gewinnung tiefgefroren und erreicht uns in dieser Form. In unserer Manufaktur in Hittisau im Bregenzerwald wird sie dann zu unseren Kosmetikrezepturen verarbeitet. Das ist die Kombination, die für uns stimmt: biodynamisch erzeugte Vorzugsmilch aus Schleswig-Holstein, verarbeitet in kleinen Chargen in Vorarlberg.
Die 5 Fragen, die du jeder Stutenmilch-Marke stellen solltest
Wenn du Stutenmilch-Kosmetik kaufst, empfehle ich dir folgende Checkliste. Sie filtert verlässlich ernsthafte Anbieter heraus.
1. Woher stammt die Stutenmilch konkret?
Ein seriöser Hersteller nennt dir den Hof oder den Herkunftsbetrieb. "Aus Europa", "aus der Region" oder "von ausgewählten Höfen" sind keine Antworten. Frag konkret nach. Wir zum Beispiel schreiben Namen und Herkunft offen auf unsere Webseite Unsere Stutenmilch.
2. Bio, Demeter oder konventionell?
Lass dir die Zertifizierung zeigen. Demeter-Zertifikate sind jährlich erneuert, die Nummer lässt sich über den Demeter-Verband prüfen. "Bio-Qualität" ohne Verband oder Zertifikatsnummer sagt wenig aus.
3. Ist es Vorzugsmilch oder pasteurisierte Milch oder Pulver?
Gefrorene Vorzugsmilch ist die aufwendigste Form und in der Kosmetik qualitativ überlegen, weil die Inhaltsstoffe direkt nach dem Melken stabilisiert werden.
Gefriergetrocknetes Pulver ist ein aufwendiges, kostspieliges und besonders schonendes Verfahren. Die Milch wird dabei nicht stark erhitzt, sondern unter Vakuum getrocknet, sodass Eiweiße, Fettsäuren und Vitamine weitgehend erhalten bleiben.
Sprühgetrocknete oder hitzebehandelte Pulver sind die günstigsten Varianten, bei denen ein Teil der ursprünglichen Inhaltsstoffe nicht mehr in aktiver Form vorliegt. Genau hier liegt der qualitative Unterschied.
Pasteurisierte oder ultrahocherhitzte Milch hat eine längere Haltbarkeit, aber die Hitzebehandlung verändert die Eiweißstruktur deutlich.
4. Wie hoch ist der Stutenmilchanteil im Endprodukt?
Ein seriöser Hersteller nennt dir den Anteil in der Rezeptur. Wenn "Stutenmilch" nur als Marketing-Name dient und tatsächlich nur 1 oder 2 Prozent in der Creme stecken, ist die Wirkung auf die Haut marginal. Unsere Rezepturen arbeiten mit wirksamen Anteilen, die Auskunft dazu gibt das jeweilige Datenblatt.
5. Wie transparent ist die Inhaltsstoff-Kennzeichnung insgesamt?
Die vollständige INCI-Liste gehört auf die Verpackung und idealerweise auch auf die Produktseite im Shop. Wer vollständig und in Klartext deklariert, hat nichts zu verstecken.
Wenn ein Hersteller diese fünf Fragen nicht klar beantwortet, hast du deine Antwort.
Warum wir uns für diesen Weg entschieden haben
Ich könnte als Herstellerin günstigere Stutenmilch beziehen. Pulverware aus Osteuropa, die rechnerisch das Gleiche ist und ein Viertel des Preises kostet. Unsere Rezepturen würden weiterhin mit Stutenmilch arbeiten, die Produkte wären billiger, die Marge größer.
Wir haben uns bewusst dagegen entschieden. Denn die Kundinnen, die seit zwanzig oder dreißig Jahren bei uns kaufen, bleiben nicht wegen Marketing. Sie bleiben, weil die Creme sich anders anfühlt. Weil ihre Haut sie verträgt. Weil sie den Unterschied spüren, auch wenn sie ihn nicht immer benennen können.
Dieser Unterschied kommt aus der Rohstoffqualität. Jeder Euro, den wir beim Rohstoff sparen würden, würde direkt zu Lasten dieses Effekts gehen. Das ist für uns nicht verhandelbar.
Wenn du den Unterschied selbst ausprobieren möchtest, findest du in unserem Naturpflege-Starterset vier unserer meistgekauften Produkte im Miniformat. Wer direkt mit einem Einzelprodukt starten möchte, findet in unserer Pflege- und Verwöhn-Kollektion die passende Creme für den jeweiligen Hauttyp. Und wenn du die Vorzugsmilch selbst trinken möchtest, verkaufen wir sie gefroren und naturbelassen in unserem Shop unter BIO Stutenmilch, gefroren und naturbelassen.
Transparenz-Hinweis
Dieser Beitrag entsteht ohne bezahlte Kooperationen. Sibylle Steurer schreibt auf Basis ihrer eigenen 30-jährigen Erfahrung als Kosmetikherstellerin. Die rechtlichen Angaben zur Vorzugsmilch beziehen sich auf die deutsche Tier-Lebensmittel-Hygieneverordnung (Tier-LMHV, Anlage 9) in der aktuellen Fassung. Unsere Produkte sind Pflegekosmetik und ersetzen keine medizinische Beratung.
Über die Autorin
Sibylle Steurer ist Gründerin und Geschäftsführerin von Equinea Stutenmilch Kosmetik. Sie gründete das Unternehmen 1994 in Hittisau im Bregenzerwald und arbeitet seit über drei Jahrzehnten mit Stutenmilch als kosmetischem Rohstoff. Die verarbeitete Stutenmilch stammt ausschließlich vom Demeter-zertifizierten Haflingerhof Seraphin in Schleswig-Holstein.
Mehr über Sibylle und Equinea erfährst du auf der Seite Über Equinea.